Leiser Abschied in Ostberlin

07.05.2009, Stuttgart – Seit zwanzig Jahren führen viele Lebenswege von den neuen Bundesländern in die Region Stuttgart und umgekehrt. Die StZ stellt in einer Serie schwäbisch-ostdeutsche Biografien vor. In der neunten Folge erzählt Michael Ohnewald, wie Annette Sawade mit Erlaubnis der Stasi von Ostberlin nach Stuttgart gekommen ist.

Es gibt Tage im Leben, da wünscht sich der Mensch, die Erde möge sich auftun und er darin verschwinden. Annette Sawade erlebt einen solchen Tag am 3. Oktober 1982. Ein letztes Frühstück mit ihrer Freundin Regine. Es kommt ihr vor wie eine Henkersmahlzeit. Regine macht noch ein paar Fotos zur Erinnerung an eine untergehende Zeit.Ein paar Schritte noch. Die Katze Fridolin hockt in einer Kiste, die kleine Juliane geht an der Hand ihrer Mutter, die ihre Geige unterm Arm trägt. Nach wenigen Minuten stehen die Sawades mit den Hildebrandts am kalten Grenzübergang an der Friedrichstraße. Die einen gehen, die anderen bleiben.
Als sie sich zum Abschied drücken, ahnen sie nicht, dass sieben Jahre
später die Mauer fällt und Regine Hildebrandt in der ersten frei gewählten Regierung der DDR zur Ministerin für Arbeit und Soziales aufsteigt. Sie können nicht wissen, dass auch ihre Freundin viel später im Westen politisch Karriere macht. Sie spüren nur, dass es wehtut. „Wenn ich an diesen Abschied denke“, sagt Annette Sawade, „bewegt mich das heute noch zutiefst.“

Mehr als 25 Jahre später sitzt sie in Stuttgart und erzählt von der Frau, die ihre Freunde in Ostberlin zurückgelassen hat. Auf dem Tisch liegt die Urkunde, die sie damals an der Grenze vorzeigte. „Annette Sawade wird aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik entlassen.“

Die Strümpfels ecken an

Dass es einmal so kommen würde, hatte sich lange vorher abgezeichnet. Annette Sawade wächst als Annette Strümpfel in einem Elternhaus auf, das unter Beobachtung steht. Der Vater ist Pfarrer in der thüringischen Kleinstadt Mühlhausen, ihre Mutter arbeitet als Ärztin. Das Bildungsbürgertum hat einen schweren Stand. Die Strümpfels ecken an. Sie schicken ihre Kinder nicht zu den Pionieren und auch nicht zur Jugendweihe.

Tochter Annette bekommt von ihrem Vater mit auf den Weg, dass sie gute Noten nach Hause bringen muss, um den Makel ihrer Herkunft auszugleichen. Sie hält sich daran und macht mit 1,0 das beste Abitur des Jahrgangs. Ihr betagter Vater erlebt das nicht mehr. Auch nicht, dass seiner Tochter am Tag der Zeugnisausgabe gesagt wird: „Ihrem Studienwunsch kann nicht entsprochen werden. Sie sind politisch noch nicht reif.“

Ein Jahr schuftet Annette Strümpfel danach im Berliner Tierpark. Der Staat honoriert den Einsatz und gewährt ihr 1972 die Gnade eines Chemiestudiums an der Humboldt-Universität. Nebenbei singt die Pfarrerstochter in einem Chor und lernt Gottfried Sawade kennen, der Physik studiert. 1973 läuten die Hochzeitglocken. Sie ist gerade 20.

Stasiakte über das junge Paar

Es dauert nicht lange, bis über das junge Paar eine Stasiakte angelegt wird. In ihrer Wohnung in der Dimitroffstraße treffen sich Studenten, die „antisozialistische Literatur aus Westberlin einführen“, wie die Stasi vermerkt. Die Sawades lassen sich nicht unterkriegen. Mit ihren Freunden machen sie sich einen Spaß daraus, die Stimmenernte der SED bei den Volkskammerwahlen vorherzusagen. Wer am nächsten dran ist, gewinnt. Es geht um die Zahl nach dem Komma hinter der 99.

Die Staatssicherheit findet das weniger lustig. In der Akte über das Ehepaar heißt es: „Gottfried Sawade gehört zusammen mit seiner Ehefrau Annette zur negativ-feindlichen Gruppierung um Rudolf Kunze. Beide sind sehr stark der bürgerlichen Ideologie verfallen und wurden bereits im Elternhaus zu einer negativen Einstellung zur DDR erzogen.“

Annette Sawade fällt auch sonst auf, unter anderem durch einen guten Sopran. Sie singt in einem Chor, der vom Berliner Domkantor geleitet wird. Er ist der Schwager einer jungen Biologin namens Regine Hildebrandt. Die beiden Frauen freunden sich an, spielen zusammen Theater, gehen auf Konzertreisen, diskutieren über Politik. „Bei Regine musste man schnell sprechen, um verstanden zu werden“, sagt Annette Sawade. Sie hat das verinnerlicht.

Die Schikanen setzen den Sawades zu

Die Familie wächst. 1979 kommt Juliane zur Welt, ein gutes Jahr später der Bruder Robert. Die Schikanen gegen sich und andere, wie ihren Freund, den Schriftsteller und Lyriker Reiner Kunze, setzen den Sawades zu. Auch der Umstand, dass Annettes Mutter Marianne 1978 mit fast 62 als Rentnerin in die Bundesrepublik übersiedelt. Der DDR ist es recht. Die Rente zahlt jetzt der Westen.

Annette Sawade spürt mehr und mehr zwei Seelen in ihrer Brust, von denen sie nicht weiß, zu welcher sie sich bekennen soll, ohne die andere zu verraten. 1980 stellt sie gemeinsam mit ihrem Mann einen Ausreiseantrag. Das hat Folgen. Gottfried Sawade muss seinen Job als Physiker bei der Bauakademie der DDR aufgeben, die Familie hält er fortan als Packer in einer Buchhandlung über Wasser. Auch seine Frau darf nicht mehr als Chemikerin im Krankenhaus Prenzlauer Berg arbeiten.

Ihre Mutter versucht im Westen zu helfen und bittet den SPD-Politiker Herbert Wehner um Beistand. Am 19. Juli 1982 schreibt er an Marianne Strümpfel: „Wir haben die vertrauliche Nachricht erhalten, dass eine positive Entscheidung für Ihre Tochter und deren Familie in absehbarer Zeit erhofft werden kann.“ Wenige Tage später erhalten die Sawades Post von der Staatssicherheit. Es ist so weit.

Ausreise am 3. Oktober

Die Familie verkauft den Trabant, räumt die Wohnung, packt die Bücher ein, füllt die Papiere für den Zoll aus, besorgt ein Attest für die Katze. Weil die Möbel schon vor dem Ausreisetermin abgeholt werden, den sie selbst festlegen, ohne zu ahnen, dass der 3. Oktober später ein geschichtsträchtiges Datum wird, wohnen die Sawades die letzten beiden Wochen bei den Hildebrandts. Es wird immer belastender, je näher der Abschied rückt. „Jetzt lasst ihr uns auch noch allein“, sagt ihre Freundin Regine zum Abschied.

Unabhängig voneinander gehen beide Frauen nach der Trennung einen ähnlichen Weg. Annette Sawade landet in Stuttgart, ihr Mann bekommt dort eine Stelle als Bauphysiker. Regine Hildebrandt bleibt in Berlin, tritt 1989 in die SPD ein, wird erst Ministerin im Kabinett von Lothar de Maizière und danach als brandenburgische Sozialministerin durch ihre volksnahe Art zur populärsten Politikerin des Ostens. Annette Sawade, die nach einer Ausbildung als IT-Fachfrau in der Landesforstverwaltung arbeitet, bringt sich im Bürgerverein Sillenbuch-Riedenberg ein und tritt 1990 der SPD bei. Diese Partei muss es sein – wegen Brandts Ostpolitik. Vier Jahre später zieht sie in den Stuttgarter Gemeinderat ein.

Es sind bewegte Zeiten für beide. Hin und wieder trifft Annette Sawade ihre Freundin Regine Hildebrandt und deren Mann Jörg, der auch Patenonkel ihrer Tochter ist. Sie diskutieren wie früher über Politik, leidenschaftlich und frei. Als Regine Hildebrandt im November 2001 stirbt, steht auch Annette Sawade an ihrem Grab. Sie singt mit dem alten Chor.

Die Freundin aus dem Osten fehle ihr, sagt Annette Sawade im Hier und Heute. Gerne würde sie mit ihr reden über das Gestern und das Morgen. Annette Sawade hat sich freundschaftlich von ihrem ersten Mann Gottfried getrennt und noch einmal geheiratet. Sie ist jetzt Großmutter, fühlt sich aber noch lange nicht zu alt für die Politik. Ganz im Gegenteil. Annette Sawade hat sich mit 55 neue Ziele gesteckt. Sie will in den Deutschen Bundestag einziehen. Die Genossin kandidiert in Schwäbisch Hall und rechnet sich auf Platz 19 der Landesliste durchaus Chancen aus.

„Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass es einmal so weit kommt“, sagt sie. Unvergessen ist die Zeit, als sie im Osten vor dem Radio stand und den Debatten im Bundestag lauschte. „Da griffen sich die Leute mit Argumenten scharf an und keinem passierte etwas“, sagt sie. „Auch deshalb sind Wahlen für mich bis heute ein Geschenk.“ Ihre Freundin Regine hätte es nicht besser sagen können.

Artikel: Michael Ohnewald, Stuttgarter Zeitung
Foto: Achim Zweygarth