BürgermeisterIN gesucht!

Der Wille zur Gestaltung des Stadtbilds, die Freude am Umgang mit Menschen und die Verpflichtung gegenüber der Stadt oder der Gemeinde – dies sind laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung die drei meistgenannten Beweggründe, für das Bürgermeisteramt zu kandidieren.

Im Zuge der Studie kam auch heraus: Stadtentwicklung scheint ein Anliegen von Männern im Alter zwischen 50-59 Jahren zu sein. Lediglich fünf Prozent aller „städtischen Chefsessel“ werden von Frauen besetzt. Und da dachte man, die Frauenquote in den Gemeinderäten und den Landtagen sei schon „unterirdisch“. Baden-Württemberg bildet in diesen Fällen mehr als nur ein trauriges Schlusslicht.

Das Fritz-Erler-Forum Baden Württemberg analysierte im Jahr 2011 175 Bürgermeisterwahlen. Von den insgesamt 369 Kandidat/innen waren lediglich 36 Frauen (zehn Prozent). Von diesen wurden wiederum 13 gewählt. Dies entspricht am Ende einer Frauenquote von gerade einmal sieben Prozent.

Zum Vergleich: ein durchschnittlicher Informatikstudiengang besteht zu 15 Prozent aus Studentinnen. Beim Berufsbild Bürgermeister/in bewegen wir uns im Bereich der Steinbrecher, Fernmeldetechniker, Glasmassehersteller und Schornsteinfeger. Und es gibt deutlich mehr Kutscherinnen (12,9 Prozent), Jägerinnen (13,8 Prozent) oder Soldatinnen (9,7 Prozent)!

Worin ist dies begründet?

 
Die Studie der Bertelsmann Stiftung versuchte – unter Befragung von 1.150 zufällig ausgewählten Bürgermeister/innen – auch die Ursachen für den Männerüberhang zu ergründen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nannten Frauen und Männer unabhängig voneinander als größtes Hindernis für Frauen, kommunalpolitisch aktiv zu werden (90 Prozent der Frauen / 73 Prozent der Männer). Weitere Gründe waren „mehr Interesse an Sach- als an Machtfragen“ (82 Prozent Frauen, 36 Prozent Männer) sowie„Männerdominierte Machtstrukturen“ (79 Prozent Frauen, 49 Prozent Männer) und „Männer nehmen weniger Rücksicht“ (68 Prozent Frauen, 26 Prozent Männer).

Brauchen wir ein Frauenförderprogramm für das Berufsbild „Bürgermeisterin“?

 
Seit vielen Jahren und Jahrzehnten werden mit speziellen Programmen (Girls‘ Day, Frauenwirtschaftstagen etc.) alte Strukturen aufgebrochen und Frauen an die „Männerberufe“ herangeführt. Warum also kein Bürgermeisterinnen Day?

Die Unterschiede der politischen Arbeits- und Denkweise zu erkennen ist der eine große Schritt, den jede (männerdominierte) Partei gehen muss, um Frauen für Kommunalpolitik zu gewinnen.

Ansätze und Strategien sind vorhanden und müssen nicht neu erfunden werden: Frauen sind bereits heute in unendlich vielen Vereinen und Verbänden engagiert dabei. In Bürgervereinen und –initiativen, Elternbeiräten und-initiativen zur Kinderbetreuung oder bei den Landfrauen. Zunehmend bringen sie sich auch bei dem DRK, dem THW und der Feuerwehr mit Leib und Seele ein. Das Vorwissen der Frauen ist da. Der „große“ Schritt in einen Gemeinderat ist da nur ein kleiner. Oftmals braucht es nur einen kleinen „Schubs“.

Daher überrascht es auch nicht, dass zwei von drei Frauen sagen, sie haben durch direkte Ansprache den Weg in die (Kommunal)Politik gefunden – und acht von zehn Frauen sagen, sie schätzen die Möglichkeit, etwas für andere zu tun und sehr nah am Bürger zu sein.

Dazu müssen aber auch die Randbedingungen stimmen: Unterstützung durch den Partner, Möglichkeiten von Kinderbetreuung, verlässliche Sitzungszeiten, Einhaltung von Themenstrukturen und Abläufen.
Ich freue mich, dass die SPD in Baden-Württemberg einen wichtigen Schritt gegangen ist und zur nächsten Kommunalwahl erstmals den „Reißverschluss“ anwendet. Frauen und Männern können auf diese Art gleichberechtigt um die Plätze konkurrieren. Und, was Frauen auch sehr wichtig ist, ihnen wird auf diese Art eine klare Perspektive aufgezeigt.

Zur Zeit erarbeitet eine Arbeitsgruppe aus dem SGK- und SPD-Landesvorstand ein Programm, um die Ortsvereine und Kreisverbände gezielt bei der Suche und dem Aufbau von Kandidat/innen für das Bürgermeister/innen-Amt zu unterstützen. Best Practice Beispiele lassen wir hier genau so einfließen wie auch die theoretischen Informationen, die in diesem Artikel kurz angerissen wurden. Der Prozess der Gleichberechtigung ist in der Kommunalpolitik noch ein langer. Frauen sind für diese Ämter aber mehr als befähigt. Manchmal noch zur Überraschung der Männer – doch daran werden sie sich gewöhnen und mit Freude in gemischten Teams arbeiten.

Annette Sawade (vierte v.l.) bei der Gründung der ASF Schwäbisch Hall-Hohenlohe

Annette Sawade (vierte v.l.) bei der Gründung der ASF Schwäbisch Hall-Hohenlohe

Dieser Artikel ist in der DEMO. Die Monatsteitschrift für Kommunalpolitik [Ausgabe 3-4/ 2013] erschienen.