Zum Tod von Manfred Rommel

14.11.2013 – Am vergangenen Donnerstag (07.11.) verstarb Alt-Oberbürgermeister Manfred Rommel im Alter von 84 Jahren. Anlässlich der heute stattfindenden Trauerfeier erklärt die SPD-Bundestagsabgeordnete Annette Sawade:

„Ich hatte das große Glück, Manfred Rommel in meinen ersten Jahren als Stadträtin in Stuttgart als amtierenden Oberbürgermeister zu erleben. Vor allem seine große Menschlichkeit hat mich beeindruckt. Auch später hatten wir, da im gleichen Stadtbezirk lebend, immer wieder fröhlichen, angenehmen Kontakt. Sogar als Gast war er zu einer Lesung in meinem SPD-Ortsverein.

Die hier beigefügte Rede unseres damaligen Fraktionsvorsitzenden Prof. Dr. Rainer Kußmaul zum Abschied von Manfred Rommel als Oberbürgermeister von Stuttgart, wirft ein besonders gutes Licht auf unser Verhältnis und seine Arbeit in und für Stuttgart.“

Dr. Rainer Kußmaul für die SPD-Gemeinderatsfraktion (19.12.1996)

„Hochgeschätzte, liebe Freunde aus unseren Partnerstädten,
verehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Rommel, liebe Frau Rommel,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,
liebe Stuttgarterinnen und Stuttgarter,

„Wahre Worte sind nicht angenehm, angenehme Worte sind nicht wahr.“

Wahrlich ein von Laotse geschaffenes dialektisches Dilemma für jeden Abschiedsredner! Sie selbst machen es mir persönlich noch schwieriger durch ein Gedicht, allerdings aus vorprofessoraler Zeit:

„Hier ruhet, wie die Inschrift zeigt, ein Professor, Gottseidank er schweigt.“

Gleichzeitig lösen Sie dieses Schweigen wieder auf durch den kategorischen Imperativ des folgenden Zweizeilers, und ich betone ausdrücklich, er stammt von Ihnen:

„Ehret die Alten – eh sie erkalten.“

Nun denn ans Werk.

Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben mindestens so sehr, wie wir Sie schätzen, an Ihnen gelitten, erhebt sich doch die Frage, warum Sie trotz Ihrer ersten politischen Kontakte zu Fritz Erler und Carlo Schmid, diesen herausragenden Vertretern der Sozialdemokratie, nicht zu uns gekommen sind? Zumal Ihr zu Papier gebrachtes Eintrittskriterium in die CDU, ich zitiere: „ein Haufen, bei dem ich zunächst mitgelaufen bin“ von der SPD sicherlich auch erfüllt worden wäre. So haben Sie, stets in großer geistiger Unabhängigkeit und Liberalität agierend, allzuviel Glanz auf Ihre Partei fallen lassen. Rolf Thieringer brachte es auf den Punkt: „Dies hat der CDU mehr genutzt als Rommel“, wobei er jedoch vergaß hinzuzufügen „und der SPD geschadet.“

Trotzdem hätten auch wir es zutiefst bedauert, wenn Sie als zugegebenermaßen wichtiger Kulissenschieber in einem Landesministerium versauert wären und sich Ihre großen politischen Talente nicht zum Wohle unseres Staates in aller Öffentlichkeit hätten entfalten können.

Was ist es, was Sie über alle politischen Richtungen hinweg innerhalb und außerhalb der Parteien so anziehend macht? Es ist der Denker und Zusammendenker Rommel, der durch langes Nachdenken über die Probleme und die Menschen der Zeit und das Aussprechen der gewonnenen Erkenntnisse – auch wider den Zeitgeist – zu einer großen Persönlichkeit mit Selbstachtung und Selbstwertgefühl gereift ist. Dadurch ist Ihnen ein in der heutigen Zeit unschätzbares Merkmal – Ihr Markenzeichen – zugewachsen, nämlich ein ehrlicher Politiker zu sein. „Man glaubt ihm, was er sagt“ urteilte die Deutsche Welle 1986 über Sie.

Zwangsweise hassten Sie Vorurteile, weil sie – wie Sie es ausdrückten – Zeichen mangelnden Nachdenkens sind. Dies musste Sie zum überzeugten Vertreter der Toleranz machen: Durch Nachdenken gewonnene Überzeugungen müssen einfach geduldet, wenn auch nicht geteilt werden! Es war dann für Sie nur konsequent, diese Toleranz vorgelebt und innerhalb weiter Grenzen gegenüber Intoleranten geübt zu haben, um ihr die Chance auf weitere Verbreitung zu geben. Ich zitiere: „Toleranz ist heute der wichtigste Weg, um Vertrauen in den Menschen zu zeigen und glaubhaft zu machen. Gewiß ist Vertrauen gelegentlich mißbraucht worden. Aber Mißtrauen wird immer bestätigt.“

Verehrter Herr Rommel! Vor bereits über 10 Jahren erkannten Sie nahezu prophetisch, in welche Richtung die Wirtschaft sich weltweit entwickeln würde. „Wir nähern uns einer völlig veränderten Zukunft“, sagten Sie damals. Heute lesen sich Ihre Ausführungen wie die Analyse des in den letzten Jahren Erlebten. Und wieder sehen Sie – im Gleichklang mit meiner Partei ­ kritisch in die Zukunft. Globaler Wettbewerb ist für Sie kein Selbstzweck. Sie sehen, daß „er sich von einer Methode zum Ziel befördert hat und auf seine den Menschen dienende Funktion zurückgeführt werden muss.“

Sie sorgen sich daher auch um die Zukunft der Arbeit und erkennen, daß sich gleichzeitig ein gravierender Wertewandel vollzieht. Ihre Konsequenz: „Ein stärkeres Gefühl für Werte kann nur aus einem lebendigen Kulturprozess entstehen.“ Daher sehen Sie es als große öffentliche Aufgabe an, möglichst vielen Menschen den Zugang zu Kunst und Kultur zu ebnen und so zur Persönlichkeitsbildung in orientierungsloser Zeit zu kommen. Für Sie ist es klar, daß sich Lebensideale und Fortschrittserlebnisse vom Bruttosozialprodukt abkoppeln werden.

Ein Denker und Nachdenker dieser Dimension, die weit über die Kommunalpolitik hinaus­ reicht, kann nur eine gute kommunalpolitische Bilanz hinterlassen. Dies ist dieser Tage ausgiebig gewürdigt worden.

Ich gehe daher nur auf einen Punkt ein: Auf Ihrer letzten Pressekonferenz klangen uns Ihre Aussagen zur Integration der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger wie ein politisches Vermächtnis, dem sich dieser Gemeinderat und Ihr Nachfolger verpflichtet sehen sollten. In einem zusammenwachsenden Europa, ja in einer zusammenwachsenden Welt, sehen Sie in der Integration von Ausländern zu Recht „die Kardinalfrage für alle größeren Städte.“ Wir wollen wie Sie, daß sich alle Menschen in Stuttgart zu Hause fühlen und Stuttgart als Heimat empfinden. Ihr Anliegen wird für die SPD-Gemeinderatsfraktion Verpflichtung sein.

„Ich habe einen Haufen Mist gemacht“, erklärten Sie in aller Bescheidenheit vorgestern im Großen Haus. So hart wollen wir es nicht sehen. Sicher ist jedoch, daß wir nicht immer mit Ihnen einig waren. Als Anhänger von Prioritäten haben Sie auch Posterioritäten gesetzt und dadurch auch Felder wie z.B. Umwelt, Denkmalschutz oder Frauenpolitik unterschätzt. In Bezug auf die Stadtbezirke waren Sie uns zu zentralistisch. Es ehrt Sie jedoch auch hier, daß Sie sich das Recht auf Meinungsänderung genommen und viel dazugelernt haben. Im teils selbsterzeugten Minenfeld der Regionalpolitik hatten Sie einmal das Umland zum Fressen gern, das andere Mal zeigten Sie ihm die kalte Schulter nach dem Motto: „Wer jedermanns Liebling sein will, wird zu jedermanns Dackel.“ Und Sie neideten dem Umland zu Recht, „dass bei denen die Sau praktisch selbst in den Kessel springt.“

So sehr Sie das Zusammendenken der Einzelheiten in der Politik einforderten und das wachsende Spezialistentum zu Recht beklagten, Ihr großer Glaube an die Experten schien uns manchmal dann inkonsequent. Auch konnten wir Ihre Meinung nicht teilen, als Sie zeitweise Visionen als so bedrohlich erachteten wie Halluzinationen. Leider war Ihnen auf diesen Feldern – trotz erkennbar offener Flanken – nicht beizukommen. Kanzler Kohl hat es präzise erkannt: Sie haben stets Ihren Humor und Ihre Sprüche perfekt als Mittel zur Entwaffnung des Gegners eingesetzt und ein Klima geschaffen, das Sie nahezu unangreifbar machte.

Neben der Dialektik führten Sie auch den Dialekt in die Politik ein. Es ist Ihr großes Verdienst, den Schwaben endlich das Selbstbewußtsein gegeben zu haben, nördlich der Mainlinie ohne Hemmungen das Wort zu ergreifen. Genauso haben Sie durch Ihr überhaupt nicht von Schicki-Micki-Allüren geprägtes Auftreten vielen Menschen den Glauben zurückgegeben,
daß es auch heute nicht nur auf Äußerlichkeiten ankommt.

Unsere uneingeschränkte Bewunderung gilt Ihrem Eintreten für die Demokratie als einzig menschenwürdige Staatsform, Ihren vielfältigen Bemühungen zu deren Stärkung und Ihrer einmaligen Sensibilität gegenüber jeder Bedrohung der Demokratie. Ihr Alptraum ist es zurecht, daß als Gegenreaktion zur zu allem fähigen Diktatur die Demokratie zu allem unfähig gemacht werden könnte. All dies macht Sie zu einer wahren Zierde der deutschen Demokratie, ja der demokratischen Staatsform schlechthin. Ihr Eintreten für Freiheit und Demokratie hat weltweit das Ansehen Deutschlands und auch unserer Stadt gemehrt.

Ihr Leben steht herausgehoben für das Gelingen der zweiten deutschen Demokratie. Wir bewundern Sie dafür, dass es Ihnen in Ihrer Person gelungen ist, die Verehrung des Zivilisten durch die Militärs – und nicht umgekehrt – bewirkt zu haben. Im Leben Ihres Vaters und Ihres eigenen wird zusammen das Schicksal des deutschen Volkes im 20. Jahrhundert dokumentiert, eine Entwicklung hin zum Guten, die niemand so für möglich gehalten hätte. Symbolträchtig fügt sich hier ein, daß Sie zum Ausklang dieses vertrackten Jahrhunderts noch viel für die deutsch-französische Freundschaft bewirken können.

Ihr Vater schrieb im Oktober 1942 nach Hause: „Manfred wird in wenigen Jahren ein Mann sein und hoffentlich unserem Stamm stets Ehre machen.“ Dieser Wunsch ist in überreichem Maße und in mehrfachem Sinn Realität geworden.

Im Schwabenland ist bekanntlich „nicht geschimpft genug gelobt“, und dort gibt es – wie Sie einmal sagten – „ nichts Besseres als etwas Gutes.“ In diesem Sinne haben Sie Stuttgart 22 Jahre lang mehr als gut gestaltet und ihm alle Chancen für die Zukunft eröffnet. Sie werden heute Ehrenbürger der Landeshauptstadt. Ich weiß, viele Menschen haben dabei das Gefühl, diese Würde würde nicht nur Ihnen, sondern allen Stuttgarterinnen und Stuttgartern mit verliehen.

Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten danken Ihnen für eine gemeinsame fruchtbare Zeit und wünschen Ihnen und uns, dass Ihre Kreativität noch viel Gutes bewirken und der Professor noch lange nicht schweigen möge. Manfred Rommel ist die Verkörperung der Aussage Laotses: „Der Weg zum Tun ist Sein.“

Liebe, verehrte Frau Rommel!
Wir schließen Sie voll ein in unseren Dank. Man kann nur erahnen, was Sie alles mitbewirkt haben. Sicher ist es sehr, sehr viel gewesen.

Lieber Herr Rommel,
mit Friederike Groß haben Sie eine kongeniale Künstlerin als Begleiterin gehabt, welche Sie in einmalig schönen Karikaturen verewigt hat. Mein Kollege Siegfried Bassler und ich haben uns erlaubt, einige Karikaturen mit Sprüchen von Ihnen neu zu unterlegen.
Dieses Unikat möge Sie in Ihrem Ruhestand mehr als einmal zum Schmunzeln bringen.“