„Wir dürfen nicht aufgeben“

Artikel aus dem Haller Tagblatt:

Entwicklungshilfe Zwischen Sorge und Hoffnung: Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, spricht in der Hospitalkirche mit Erhard Eppler und Annette Sawade über die aktuelle Situation. Von Bettina Lober

Politik war noch nie leicht. „Heute werden die Aufgaben der Politik immer schwieriger und immer mehr“, sagt Erhard Eppler. Der sozialdemokratische Vordenker aus Hall muss es wissen, blickt der 90-Jährige doch auf ein langes politisches Leben zurück. Er war unter anderem von 1968 bis 1974 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, er war SPD-Landesvorsitzender und leitete viele Jahre die Grundwertekommission seiner Partei. Entwicklungspolitik und Ökologie sind Themen, die Eppler seit jeher am Herzen liegen.

800 Millionen leiden Hunger

Auf Einladung der SPD-Kandídatin Annette Sawade trifft Eppler am Montagabend in der Haller Hospitalkirche auf Parteigenossin Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. Im Mittelpunkt des Wahlkampftermins mit rund 80 Zuhörern steht das Thema Entwicklungspolitik. Eppler packt es zunächst historisch: Er berichtet von frühen Anstrengungen, dem in den 70er-Jahren gefassten Vorsatz und dem festen Glauben daran, den Hunger in der Welt bis zum Jahr 2000 zu besiegen. Aber auch davon, dass Willy Brandt bereits Ende der 70er-Jahre mit realistischer Skepsis eine düstere Vision von Armut, Überbevölkerung, Verstädterung, Hunger und drohendem Krieg im Jahr 2000 zeichnete.

Die einstigen Bemühungen in Sachen Entwicklungshilfe seien heute vergessen, mahnt Eppler. Schuld seien Neoliberalismus und der Marktradikalismus – „diese Ideologien gehören auf den Schutthaufen der Geschichte“.

Zähigkeit ist eine notwendige Eigenschaft von Politikern in ihrem schwierigen Geschäft, erklärt Erhard Eppler. Dazu kommen Mut, Fleiß, Selbstbewusstein. Wer Bärbel Dieckmann am Montag zuhört, erkennt schnell, dass die frühere Bonner Oberbürgermeisterin diese Eigenschaften wie selbstverständlich miteinander vereint.

Die 68-Jährige ist eine feine und sympathische Frau, die sich nicht scheut, Unbequemes anzusprechen. Gewiss, in den vergangenen Jahren sei vieles gestemmt worden, doch noch immer leiden 800 Millionen Menschen in der Welt Hunger. „Zehn Jahre lang gingen die Zahlen zurück, jetzt steigen sie wieder“, sagt die Präsidentin der Welthungerhilfe besorgt und mahnt: „Wir haben gewusst, was in Afrika, Asien und Lateinamerika passiert, und geglaubt, dass es Europa nicht trifft.“ Rund 65 Millionen Menschen sind derzeit weltweit auf der Flucht, die Ursachen hierfür seien vielfältig: Gewalt, Krieg, Terror, Religion, Klimawandel.

Unmissverständlich macht die vierfache Mutter deutlich, dass angesichts von Armut und Hunger niemand glauben sollte, die Menschen würden sich mit ihrem Schicksal, mit Rohstoffausbeutung, Arbeitsplatzmangel und Perspektivlosigkeit abfinden: „Wenn der Druck zu groß ist, werden sie sich auf den Weg machen.“ Die Welthungerhilfe fordere: Investitionen in kleinbäuerliche Landwirtschaft, gerechte Steuersysteme, Versicherungssysteme bei Ernteverlusten, Kampf gegen Korruption, Arbeitsplätze auch außerhalb der Landwirtschaft. So sollten etwa Rohstoffe auch in Afrika verarbeitet werden.

„Wir Industriestaaten haben viele Probleme verursacht“, kritisiert Bärbel Dieckmann – die freundliche Präsidentin kann ziemlich hart sein. Den von der Bundesregierung angestoßenen „Marshallplan mit Afrika“ begrüße sie grundsätzlich zwar, „aber er muss mit Leben gefüllt werden“. Vor allem: „Die Partner müssen sich auf Augenhöhe begegnen“, betont Dieckmann und stellt am Ende noch einmal ihr Beharrungsvermögen unter Beweis: „Wir dürfen nicht aufgeben.“

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