Im Einsatz für eine neue Aufklärung

Artikel aus der Hohenloher Zeitung:

Ernst Ulrich von Weizsäcker unterstützt die SPD-Abgeordnete Annette Sawade mit einem Wahlkampfauftritt. Von Michael Dignal

ÖHRINGEN „Er hat mir oft im Wahlkampf geholfen“, erinnert sich Annette Sawade bei der Begrüßung ihres Gasts Ernst Ulrich von Weizsäcker, „so wie ich ihm 2002, als er seinen Wahlkreis in Stuttgart gewann.“ Die SPD-Kandidatin und der Wissenschaftler kennen sich lange und sind befreundet. An diesem Abend geht es um das Thema Globalisierung und Nachhaltigkeit. Gut 60 Besucher sind hierzu ins Hotel Württemberger Hof gekommen.

Weizsäcker ist 78 Jahre alt, noch beruflich tätig, doch nicht mehr aktiv in der Politik. Gleichwohl hat er sich das TV-Duell von Merkel und Schulz angesehen, es für gut befunden und die negative Pressekritik nicht verstanden. „Es war fair, aufs Inhaltliche konzentriert und ohne unnötigen Zoff“, sagt er. Außerdem hält er Merkel für eine gute Kanzlerin und, als Umweltexperte, die Grünen für eine wichtige Partei. Konfrontation um jeden Preis ist ihm fremd.

Fachmann Vor allem ist er Fachmann und weiß, dass die Globalisierung nach dem Ende des Kalten Kriegs um 1991 anfing. „Da wurden die Finanzmärkte frech, nahmen keine Rücksicht mehr auf die Demokratie“, erklärt er deutlich. Es wurde von den großen Firmen mehr ins Ausland investiert, was Arbeitsplatzverluste im Inland bedeutete. Die Agenda 2010 unter Kanzler Gerhard Schröder sollte dieser „Erpressung der Finanzmärkte“ entgegenwirken, habe aber letztlich der SPD geschadet.

Die Lehre daraus: Globalisierung und Gerechtigkeit gehörten zusammen, sie seien „eine internationale Aufgabe“. Hierfür hat Weizsäcker mit einem Team des Club of Rome einen Bericht erstellt, der die ältere Studie unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ aktualisieren soll.

Zentral wird darin die Klimaproblematik behandelt. Denn mehr Wachstum bedeute auch immer mehr Schadstoffausstoß. Weizsäcker: „Hier muss endlich umgedacht werden.“ Nötig sei daher eine „neue Aufklärung“, weil die alte inzwischen zur Rechtfertigung „egoistischer Weltökonomen“ verkommen sei, die sich gern auf große Namen wie Charles Darwin oder Adam Smith beriefen, deren Lehren aber bewusst falsch interpretierten.

Balance Zum Umdenken gehöre auch mehr Balance zwischen kurz- und langfristigem Nutzen, zwischen Staat und Markt, zwischen den Geschlechtern sowie zwischen Leistungsanreiz und Gerechtigkeit. Und einen Denkspruch für die neue Aufklärung hat der Gelehrte auch parat: „Purer Optimismus ohne Nachdenken ist wertlos.“

Wie wohl die meisten Zuhörer findet das Annette Sawade sehr einleuchtend. Und was Nachhaltigkeit in diesem Zusammenhang bedeutet, formuliert sie so: „Investitionen in den Mehrwert für nachfolgende Generationen.“